TEXTS

(…) , 2019

EVA WEINGÄRTNER

Jetzt wird sich mein Leben verändern, denke ich im Aufzug. An den Aufzugwänden, haben Leute so Sachen wie Fuck und Love in die Lackbeschichtung auf dem Metall gekratzt. Ich frag mich noch wieso das im Kloster eigentlich sein muss… aber dann fällt mir ein, dass das Gebäude früher mal ein Krankenhaus war und so erklärt sich dieser Ausdruck an Emotionalität von selbst. Die Tür öffnet sich, ich bin da. Direkt vor mir die Fussmatte, auf der ich meine Schuhe ausziehen muss. Ich verneige mich vor der Buddhaskulptur, versuche meine Gedanken zu beruhigen, ich spüre mein Herz klopfen. Ich fühle mich leicht wie ein Feder im Wind, fast keiner Schwerkraft verbunden. Ich versuche in meine Füsse zu spüren und unter den Füssen in den Boden, tiefe Verwurzelung annehmen…ziemlich bemüht. Das Flattergefühl bleibt. So nehme ich wahr was ist, das Flattergefühl.

Als ich eintreten darf, kontrolliere ich meine Bewegungen, verneige mich in bemühter Ruhe. Der hochehrwürdige Wandermönch sitzt auf einer Bambusmatte und der Platz für den Besucher seiner Audienz ist direkt vor ihm. Ich verneige mich erneut und setze mich. Only one Question. Neben dem Wandermönch sitzt der Übersetzer, selbst Mönch. Etwa mein Alter. “Ich kann Dir übersetzen oder Du sprichst selbst”, sagt er. “Ich kann ihn selbst fragen.” “Ok. Go.” “There ist this old, this very old pain in my life and I want to know, how I can let go of it.“ Ja, zugegeben… es erscheint mir jetzt selbst sehr sehr banal, denn wer hat nicht eine sehr alte Wunde, eine wiederkehrenden Schmerz und wieviele Menschen verbringen ihr Leben damit diesen loszuwerden… also ich weiss schon eh was er mir sagen wird. Meditieren. Klar. In dem Moment denke ich, ich hab meine Frage verspielt. Er sagt: “When you meditate with others, after, stay five minutes longer and meditate more. You say, go away, pain go away.. and let others help you.” Dann wackelt er mit dem Kopf… wackelt so hin und her… man könnte denken, der Kopf sitzt nicht so ganz fest. Die Stille macht mich nervös und so frage ich weiter, obwohl ich weiss es ist die zweite Frage. “I will work in a prison, like you in India, I paint there with people…I mean I go into the prison and paint with prisoners… and I would like to know what I can do, to stay calm and improve…to be helpfull to others.” Er versteht mich nicht, der Übersetzermönch und ich versuchen es gemeinsam und ich denke, Mist zweite Frage verspielt, er wird sagen, ich soll meditieren…und das weiss ich doch selbst. Aber er sagt:” I knew a painter… he went to hieven… “Übersetzer sagt,” er meint heaven”… ja..Wandermönch wackelt zustimmend mit dem Kopf… “he allready went to hieven and I took him back… with a painting.” Er sagt alles nochmal und zeigt erst nach oben und macht dann eine ranholende Handbewegung… “I took him back… he came back… I painted his painting and he came back…” “to life?” frage ich… er wackelt zustimmend.

„Yesterday,” sage ich,” when we all meditated together with you… I saw a golden light… it was everywhere…“ “Mh..” er wackelt wieder… “that is very common… very often… when people meditate with me, this happens“.

“Ok. Thank you.” sage ich.. Übersetzer und Wandermönch machen Pause, stehn auf, strecken sich… Wandermönch verlässt den Raum, Übersetzer räumt Zeugs zusammen… ich ziehe meine Schuhe wieder an, die Tür in den Raum ist geöffnet… ich spreche in den Raum rein wo der Mönch Zeugs räumt… “was will er mir denn jetzt damit sagen, ich soll mich erden… ja das passt schon, klar.” “Naja das passt ja irgendwie für jeden”, sagt der Mönch..” weiss ich jetzt auch nicht”… und so endet diese Audienz ohne dass sie mein Leben jetzt sofort gefühlt für immer verändert hätte…

Meine Tochter geht im Klostergarten spazieren und begegnet dort dem Wandermönch in seiner Pause, „ how are you”, fragt er, „I´m fine”, sagt sie, “and you”, “I`m fine too”, sagt er. “Ok cool”, sagt meine Tochter und geht weiter.

Ein goldenes Licht habe ich schon einmal zuvor während einer Hypnose gesehen.. aus diesem Grund hat es mich tatsächlich nicht wirklich erstaunt… sondern kam wie eine fast vertrautes Gefühl… trotzdem unvergesslich.

 

 

——————————————————————————————————————————————————————————————————————————————————

PLANETENTANGO, 2017

EVA WEINGÄRTNER

Ich kehre immerwieder zu meiner Faszination für Planeten zurück. Dabei interessiert mich persönlich nicht, wie weit sie weg sind, wie groß sie sind oder welche Atmosphäre sie haben, mich interessiert auch ihre Position nur am Rande und eigentlich ist mir alles egal was mit Zahlen und Wissenschaft zu tun hat. Ich bin Synästhetikerin, für mich sind Zahlen nur Farbenregen…zuweilen aufregende Farbenregen…  Mich interessiert an Paneten am meisten, dass sie vermeintlich rund sind… oder wenn nicht rund, so doch schwebende Objekte im Raum, die abgrenzbar vom drumherum, in dem drumherum schweben. Ich bin ähnlich fasziniert von Eierdottern in rohen Eiern. Ich denke dann, wenn ich mich mit Planeten beschäftige, ich müsste über all diese Dinge nachdenken, wie Tod, Gott, Raum und so…aber das schöne ist, wenn ich an Planeten denke, dann denke ich eben gar nicht an all das. Ich bin einzig erfreut davon, dass etwas nicht mit seinem drumherum verankert ist und ich habe das Gefühl, deshalb auch das drumherum vergessen zu dürfen. Es zählt nur diese Kugel, dieser eine Kern, diese eine Erbse. Und das beruhigt mich irgendwie, weil ich nicht in Gedankenschleifen von Zusammenhängen gerate.
Der Mond speziell interessiert mich halt, weil man ihn mit bloßem Auge sehen kann. Und weil er immer zur gleichen Zeit im Monat gleich aussieht und das eine Auswirkung auf meinen Organismus hat. Das ist natürlich spannend, da steht was zusammenhanglos im Raum und hat Einfluss auf die komplexen Zusammenhänge bei mir. Das mag ich. Ich weiß dass widerspricht, dem was ich zuvor gesagt habe, aber irgendwie auch nicht.
Das was ich da erlebe, das spiegelt sich in meinen Erfahrungen in künstlerischen Prozessen. Man tut etwas, weil man es mag und dann etwas anderes unabhängig vom ersten und nach einer Weile merkt man, dass alles irgendwie doch zusammenhängt und Einfluss aufeinander hat.

Alles ist in allem und in allem zugleich.

Als ich zuvor schrieb, mich interessiert bei Planeten nicht, dass man über Themen wie Tod, Gott, Raum und so nachdenkt, da habe ich begonnen über Tod, Gott, Raum und so nachzudenken…
Ich habe weniger Angst vor dem Tod, wenn ich mir vorstelle ein Teil eines unfassbar großen Universums zu sein, es wird relativ, wer am Ende was tut…es wird realtiv ob ich etwas tue um etwas zu beeinflussen oder ob ich es seinlasse, es wird sogar relativ ob ich bei rot über die Strasse gehe ohne zu schaun. Es wird realtiv, wen ich zurücklasse und wer um mich trauert. Ich stelle mir den Tod vor, wie eine beginnende Vollnarkose aus der man nicht mehr aufwacht, der Moment bevor man einschläft ist ein Vorgeschmack auf den Blick ins große Ganze, alles nicht so wichtig… bei meiner letzten Vollnarkose habe ich zuletzt gedacht… die haben hier die guten Drogen…und man versteht auch irgendwie, warum man die nicht so oft nehmen sollte… es ist einfach zu schön diese Flucht in den Raum ohne Zusammenhang.

Im letzten Jahr hatte ich einen Hund in Pflege, ich hatte ihn so lange in Pflege, dass ich ihn am Ende nicht mehr hergeben wollte. Es war mein Hund geworden. Anfangs war er ein schmutziges übelriechendes etwas, dass ständig raus musste und am ende war er für mich ein zartes duftendes Wesen mit Bedürfnissen, die ich nicht mehr als lästig empfand. Dann musste er aber zurück zu seiner kranken Besitzerin. Und ich habe lange gebraucht, um ihn wieder als einen Hund auf der Welt zu sehn. Als wir ihn besuchten, verhielt er sich anders als bei uns und hat uns nicht erkannt. Da war mein Abschied.
Anfang diesen Jahres kam der Hund wieder zurück. Seine Besitzerin war wieder im Krankenhaus. Er erkannte uns und unser zuhause und freute sich. Ich freute mich auch, konnte aber die Zeit nicht zurückspulen zu dem Zeitpunkt, als er mein Hund gewesen war. Er war ein bisschen ein schmutziges schlecht riechendes… und ein bisschen mein Hund. Und ich hüpfte dazwischen gefühlsmäßig hin und her, andocken, abstoßen, mitfühlen, draufschaun… ein Grenzgang.
Es ist zum Verzweifeln, das ganze Leben ist so. Ich hasse das. Einlassen, Loslassen.
Jeder kennt das, sobald man sich verliebt hat, ist es unmöglich, dass der andere wieder der wird, der er für einen war, bevor man sich verliebt hat, man ist jetzt über dieses Gefühl verbunden, egal ob die Liebe auf Gegenliebe stößt… und es fühlt sich unendlich an… bis es endet… und dann ist es vorbei und man fragt sich, was war das?… und wenn es nicht vorbei ist… dann ist es im Tod vorbei… Wie Laurie Anderson in ihrem Film „ a heart of a dog“… sagt: „Death is the release of love…“,  na ja, sie hat in diesem Film sowieso alles gesagt, was es über Leben, Liebe und Tod zu sagen gibt… dieser Text hier ist im Grunde überflüssig, wenn ihr den Film gesehn habt, wisst ihr was ich sagen will… Oder er ist eben doch nicht überflüssig, weil er mit meinem kleinen Ich verbunden ist, weil ich es bin, die das denkt und schreibt… und weil ich denke, fühle und lebe… und mich verankere, indem ich mich äußere… und ich verankere mich immer wieder, um nicht in den Raum ohne Zusammenhang zu fliehn.

Der Hund von dem ich sprach, heißt Ede, wie der Garten Eden, nur ohne N.

Genau genommen ist der Mutterleib auch ein Ort, in dem wir existieren wie Planeten, schwebend, ohne Zusammenhang, von der Nabelschnur einmal abgesehn. Unabhängig davon in wem wir wachsen, wachsen wir in einem Raum im Universum gefüllt mit allem was wir zum existieren brauchen, ohne Sorgen und Angst vor dem Tod.

Wenn wir geboren werden, dann fängt dieser Kram mit der Schwerkraft an…das Angezogen sein vom Boden… das selber Laufen…
Dass auch der Boden mich trägt…lerne ich dann wieder im Yogakurs… weil eigentlich möchten ich immer mal wieder getragen werden, so über dem Boden… und die Wahrnehmung, dass auch der Boden mich trägt ist nur ein schlechter Ersatz.
Und das Angezogensein von anderem und Menschen… das fängt nach der Geburt auch an. Der ganze Magnetismus.

Ich wünsche mir oft, zu schweben wie ein Wolke… ein Teil des Wolkenhimmels sein, an einem bewegten Sommertag…

Wie viele Kinder stellte ich mir lange vor, Gott sitze auf einer sehr hohen Wolke und schaue auf uns alle herab. Wenn ich ehrlich bin, stelle ich mir das heute noch vor, weil alles Abstrakte ja verbietet sich etwas vorzustellen, man soll sich ja vorstellen sich etwas nicht vorzustellen, insofern gab es bisher einfach keinen adäquaten Ersatz.
Ich hab mir als Kind aber noch mehr vorgestellt, ich habe mir vorgestellt, dass Gott auf der Wolke sitzt und seine große Hand ausstreckt und in seiner Hand liegt dann die Erde, klein wie eine Erbse in einer Schale und wenn einer mal runterpurzelte, dann plumste er nur in die Hand, niemand fiel endlos von der Erde…