TEXTS

Aus:

LOGBUCH; EVA WEINGÄRTNER, Dancing in Time 26.3.21

“Wir sind dem Tod so nah wie dem Leben.“ Gestern kam plötzlich dieser Gedanke. Nicht nur als Gedanke. Ich hatte plötzlich so eine Wahrnehmung von Ganzheit. Ich hatte mir den Finger am Pfannengriff verbrannt. Als ich später im Auto zufällig vor dem Friedhof parkte und mein Finger schmerzte, dachte ich zuerst: „Ich muss da Brandsalbe draufmachen.“ Aber dann war das plötzlich nebensächlich. Ich spürte das Leben und den Schmerz und ich dachte an all die Hautzellen, die mit der Berührung des heißen Pfannengriffs verstorben waren, und ich dachte: Wow, ich sterbe die ganze Zeit! Ich sterbe während ich lebe und ich heile ununterbrochen.

In dieser seltsamen Zeit wirkt es oft als würde das Leben nur weitergehen, wenn wir es kontrolliert ablaufen lassen, wenn wir permanent testen, wo wir gerade stehen. Und wenn wir nicht optimal aufgestellt sind, dann greifen wir ein, optimieren, tun dies und das, um aufzuholen. Ein Dauerstress ist das. Wie Dauerkrankenhaus: Übergabe, Nachtdienst, welche Tabletten?, Tabletteneinstellung, Tablettenumstellung, hier was schieben, da was untersuchen, noch was operieren. Dabei kann man schon mal dieses Gefühl für die Selbstheilung verlieren. Aber: Nur das Gefühl dafür geht verloren, das Gefüge Mensch heilt trotzdem weiter bis zum Ende, sogar kurz vor dem Tod heilt man noch.

Als Arzt zu sagen: „Ich als Arzt, ich kann Sie nicht heilen, ich kann Ihnen nur dabei behilflich sein, selbst zu heilen.“ – Das wäre einfach cool. Manche Ärzte haben das verstanden, in die bin ich verliebt. Toll wäre auch, wenn mehr Leute verstehen würden, dass der Tod, nicht die Niederlage bedeutet, so als wäre er einzig der Moment, in dem wir den Kampf verlieren. Wenn das unser aller Glaube ist, dann kämpfen wir doch immer nur gegen uns selbst.

Wir sterben. Zu jeder Zeit. Die Lebenszeit verrinnt jeden Tag.

Und wenn man von „bleibenden Schäden“ redet … wie kommt man sich denn da vor, wenn man nach einer überstandenen Infektion z.B. Herzprobleme bekommt. Man denkt, ich hab jetzt ein kaputtes Dings, äh Herz, mit dem ich weiterleben soll. Da stimmt einfach was so gar nicht mit unserer Perspektive auf die Welt.

Sooft habe ich meinen eigenen Körper als defizitär, mich selbst als kaputt wahrgenommen und erst in letzter Zeit fange ich an, den Gedanken nicht nur zu denken, sondern auch zu empfinden, dass mein Körper mir nicht das Leben versauen will. Er kann halt nur nicht anders, weil die Umstände, die ich ihm bereite, sich nicht grundlegend ändern, und seit ich das akzeptiert habe, entsteht mehr so was wie eine Zusammenarbeit zwischen uns.

Versöhnung ist Heilung. Nicht ein gesunder ganzer Körper ist ein perfekter Körper, jedes Sein ist vollkommen, in jedem Moment. Es sind nur Stadien und Prozesse, die durchlaufen wir, und dann kommen neue Übergänge und immer ist alles zur gleichen Zeit in uns. Nie heilt der Körper intensiver als durch eine Verwundung. Wir selbst entscheiden, was das ist, was wir ausprägen, wie das heißen soll. Will ich es „kaputtes Herz“ nennen oder will ich es „belastetes, tapferes Herz“ nennen. Und sich gehirnwäscheartig im medialen Regen der Besorgnis ständig repetitiv kollektiv zu bestätigen: „Wir versagen an der Aufgabe, nicht zu sterben!“, ist krankmachend. Wir bestehen, überstehen zur selben Zeit.

Gestern saß ich mit dem Rücken zum Fenster auf meinem Bett und plötzlich hörte ich hinter mir einen Schlag. Das Geräusch fuhr mir in den Körper, fast als wäre mein Rücken getroffen. Es war ein Vogel, der gegen die Scheibe geflogen war. Als ich nach ihm schauen wollte, war er verschwunden, nur ein paar Federn kleben noch an der Scheibe. Stefan hat das Stunden später fotografiert. Ich sagte: „Das war vielleicht eine Krähe oder so, aber als ich geschaut habe, ob sie verletzt im Hof liegt, war sie verschwunden.“ „Niemals war das eine Krähe“, sagt er. „Maximal eine Taube.“ „Woher willst Du das wissen“, frage ich ihn. Er zeigt mir das Foto und auch ich sehe darauf ganz genau die Umrisse des Vogels im Gegenlicht, wie ein Geisterfoto.

 

From:

LOGBUCH; EVA WEINGÄRTNER, Dancing in Time 26.3.21

„We are as near to death as we are to life“. This thought suddenly appeared yesterday. Not just as a though, more as a holistic feeling. Right before I had burned my finger at a pan handle. Later on I parked my car by coincidence at the car park of a cemetary. My finger did hurt quite a lot and I concidered to think about putting some fire ointment o top when I would get home. But then this thought became less important as I felt life through the pain of my finger. I thought of every cell of my skin that had died while burning the finger and there was this: Wow, its like this: I am dying the whole time! I die while I am living and I live while I am dying. And through all of this I heal the whole way through.

In these strange days it seems as if life would only continue if we permanently controll everything, test all the time, if everything is still ok. An if we are not up to the optimum, we interfere, optimize, do this and that to catch up. An endless stressfull act it seems to me. Like being in hospital forever: handing over, night shift, what kind of pills? Changing medication, put on different pills, check ups, medical examinations, some surgery on top. Through this way of dealing with life one can possibly ever lose the feeling of what self healing means. But: just the way it feels is up to be lost… the systhem of the human being still heals till the very end. Even right before death we still heal.

To say, as a doctor: „ I cant heal you, I can only help you to heal yourself.“ That would be cool. Some doctors have understood this, I am in love with them. If more poeple would understand, death means not only teh moment of defeat, not only the moment when we loose the fight, that would be great. If we believe that we loose the fight ones we die, we only fight ourselves. Because we die, all the time. Lifetime runs out every day.

And if we talk about permanent damages. How would one feel for example with a heart decease caused by an infection he survived. Now he has to live on with this damaged thing…ah heart I mean. To look at it like this seems the wrong perspective to me.

So many times I have percieved my body as one with deficit, I have percieved myself as damaged. Just lately I changed my point of view. I start to think and feel, that my body just doesn`t want to give me a hell of a time. Its just not possible not to ache since I don`t make enough effort to prepare the circumstances of living in a proper way. Since I have accepted that this i linked to each other, we work more in cooperation.

Reconciliation is healing. Not only a healthy body is a perfect body, we are whole at any time. Its just about states and process we walk through and then comes a new crossing and everything is at the same time, allways. At no time heals the body more intense then in times of wounding. And we decide ourselfes what it is, what we express, how we want to call it. Do we want to name it „broken heart“ or do we want to call it „brave and burdend heart“. „We fail the task of not dying“, believing this in a society of concern fed by media who is constantly spreading news about the achivements of sience in reference to humans immortality, seems sickening to me. We die, but we stay strong and live at the same time.

Yesterday I sat on my bed with my back to the window as suddenly I heard a loud crash aganins the window. The noise drove into my body almost as if my own back was hit. It ws a bird who flew against the glass sheath. As I tryed to look after him, he was disappeared. Only some feather were left sticking to the glass. Stefan took a photo of the glass hours later. I said to him: “I think it was a very big bird, a crow maybe.“ „It was never a s big as a crow“ he answered. „Maybe it was a dove“. „How do you know“ I asked. „Look!“ He showed the picture in the camera to me and I see the picture of the outline of the bird as well. Not bigger then a dove. Like the picture of a ghost.

 

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PLANETENTANGO, 2017

EVA WEINGÄRTNER

Ich kehre immerwieder zu meiner Faszination für Planeten zurück. Dabei interessiert mich persönlich nicht, wie weit sie weg sind, wie groß sie sind oder welche Atmosphäre sie haben, mich interessiert auch ihre Position nur am Rande und eigentlich ist mir alles egal was mit Zahlen und Wissenschaft zu tun hat. Ich bin Synästhetikerin, für mich sind Zahlen nur Farbenregen…zuweilen aufregende Farbenregen…  Mich interessiert an Paneten am meisten, dass sie vermeintlich rund sind… oder wenn nicht rund, so doch schwebende Objekte im Raum, die abgrenzbar vom drumherum, in dem drumherum schweben. Ich bin ähnlich fasziniert von Eierdottern in rohen Eiern. Ich denke dann, wenn ich mich mit Planeten beschäftige, ich müsste über all diese Dinge nachdenken, wie Tod, Gott, Raum und so…aber das schöne ist, wenn ich an Planeten denke, dann denke ich eben gar nicht an all das. Ich bin einzig erfreut davon, dass etwas nicht mit seinem drumherum verankert ist und ich habe das Gefühl, deshalb auch das drumherum vergessen zu dürfen. Es zählt nur diese Kugel, dieser eine Kern, diese eine Erbse. Und das beruhigt mich irgendwie, weil ich nicht in Gedankenschleifen von Zusammenhängen gerate.
Der Mond speziell interessiert mich halt, weil man ihn mit bloßem Auge sehen kann. Und weil er immer zur gleichen Zeit im Monat gleich aussieht und das eine Auswirkung auf meinen Organismus hat. Das ist natürlich spannend, da steht was zusammenhanglos im Raum und hat Einfluss auf die komplexen Zusammenhänge bei mir. Das mag ich. Ich weiß dass widerspricht, dem was ich zuvor gesagt habe, aber irgendwie auch nicht.
Das was ich da erlebe, das spiegelt sich in meinen Erfahrungen in künstlerischen Prozessen. Man tut etwas, weil man es mag und dann etwas anderes unabhängig vom ersten und nach einer Weile merkt man, dass alles irgendwie doch zusammenhängt und Einfluss aufeinander hat.

Alles ist in allem und in allem zugleich.

Als ich zuvor schrieb, mich interessiert bei Planeten nicht, dass man über Themen wie Tod, Gott, Raum und so nachdenkt, da habe ich begonnen über Tod, Gott, Raum und so nachzudenken…
Ich habe weniger Angst vor dem Tod, wenn ich mir vorstelle ein Teil eines unfassbar großen Universums zu sein, es wird relativ, wer am Ende was tut…es wird realtiv ob ich etwas tue um etwas zu beeinflussen oder ob ich es seinlasse, es wird sogar relativ ob ich bei rot über die Strasse gehe ohne zu schaun. Es wird realtiv, wen ich zurücklasse und wer um mich trauert. Ich stelle mir den Tod vor, wie eine beginnende Vollnarkose aus der man nicht mehr aufwacht, der Moment bevor man einschläft ist ein Vorgeschmack auf den Blick ins große Ganze, alles nicht so wichtig… bei meiner letzten Vollnarkose habe ich zuletzt gedacht… die haben hier die guten Drogen…und man versteht auch irgendwie, warum man die nicht so oft nehmen sollte… es ist einfach zu schön diese Flucht in den Raum ohne Zusammenhang.

Im letzten Jahr hatte ich einen Hund in Pflege, ich hatte ihn so lange in Pflege, dass ich ihn am Ende nicht mehr hergeben wollte. Es war mein Hund geworden. Anfangs war er ein schmutziges übelriechendes etwas, dass ständig raus musste und am ende war er für mich ein zartes duftendes Wesen mit Bedürfnissen, die ich nicht mehr als lästig empfand. Dann musste er aber zurück zu seiner kranken Besitzerin. Und ich habe lange gebraucht, um ihn wieder als einen Hund auf der Welt zu sehn. Als wir ihn besuchten, verhielt er sich anders als bei uns und hat uns nicht erkannt. Da war mein Abschied.
Anfang diesen Jahres kam der Hund wieder zurück. Seine Besitzerin war wieder im Krankenhaus. Er erkannte uns und unser zuhause und freute sich. Ich freute mich auch, konnte aber die Zeit nicht zurückspulen zu dem Zeitpunkt, als er mein Hund gewesen war. Er war ein bisschen ein schmutziges schlecht riechendes… und ein bisschen mein Hund. Und ich hüpfte dazwischen gefühlsmäßig hin und her, andocken, abstoßen, mitfühlen, draufschaun… ein Grenzgang.
Es ist zum Verzweifeln, das ganze Leben ist so. Ich hasse das. Einlassen, Loslassen.
Jeder kennt das, sobald man sich verliebt hat, ist es unmöglich, dass der andere wieder der wird, der er für einen war, bevor man sich verliebt hat, man ist jetzt über dieses Gefühl verbunden, egal ob die Liebe auf Gegenliebe stößt… und es fühlt sich unendlich an… bis es endet… und dann ist es vorbei und man fragt sich, was war das?… und wenn es nicht vorbei ist… dann ist es im Tod vorbei… Wie Laurie Anderson in ihrem Film „ a heart of a dog“… sagt: „Death is the release of love…“,  na ja, sie hat in diesem Film sowieso alles gesagt, was es über Leben, Liebe und Tod zu sagen gibt… dieser Text hier ist im Grunde überflüssig, wenn ihr den Film gesehn habt, wisst ihr was ich sagen will… Oder er ist eben doch nicht überflüssig, weil er mit meinem kleinen Ich verbunden ist, weil ich es bin, die das denkt und schreibt… und weil ich denke, fühle und lebe… und mich verankere, indem ich mich äußere… und ich verankere mich immer wieder, um nicht in den Raum ohne Zusammenhang zu fliehn.

Der Hund von dem ich sprach, heißt Ede, wie der Garten Eden, nur ohne N.

Genau genommen ist der Mutterleib auch ein Ort, in dem wir existieren wie Planeten, schwebend, ohne Zusammenhang, von der Nabelschnur einmal abgesehn. Unabhängig davon in wem wir wachsen, wachsen wir in einem Raum im Universum gefüllt mit allem was wir zum existieren brauchen, ohne Sorgen und Angst vor dem Tod.

Wenn wir geboren werden, dann fängt dieser Kram mit der Schwerkraft an…das Angezogen sein vom Boden… das selber Laufen…
Dass auch der Boden mich trägt…lerne ich dann wieder im Yogakurs… weil eigentlich möchten ich immer mal wieder getragen werden, so über dem Boden… und die Wahrnehmung, dass auch der Boden mich trägt ist nur ein schlechter Ersatz.
Und das Angezogensein von anderem und Menschen… das fängt nach der Geburt auch an. Der ganze Magnetismus.

Ich wünsche mir oft, zu schweben wie ein Wolke… ein Teil des Wolkenhimmels sein, an einem bewegten Sommertag…

Wie viele Kinder stellte ich mir lange vor, Gott sitze auf einer sehr hohen Wolke und schaue auf uns alle herab. Wenn ich ehrlich bin, stelle ich mir das heute noch vor, weil alles Abstrakte ja verbietet sich etwas vorzustellen, man soll sich ja vorstellen sich etwas nicht vorzustellen, insofern gab es bisher einfach keinen adäquaten Ersatz.
Ich hab mir als Kind aber noch mehr vorgestellt, ich habe mir vorgestellt, dass Gott auf der Wolke sitzt und seine große Hand ausstreckt und in seiner Hand liegt dann die Erde, klein wie eine Erbse in einer Schale und wenn einer mal runterpurzelte, dann plumste er nur in die Hand, niemand fiel endlos von der Erde…