VIDEO/PERFORMANCE

A door outside: half open half closed

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 ”A door outside: half open, half closed”, 24.9.2021, Performancefestival Explore (BMI); Frankfurt, Foto: Jürgen Fritz

“Ich betrete einen Raum. Vor mir sitzt eine Frau, die Künstlerin Eva Weingärtner, in einem roten Kleid auf einem Sofa. Neben ihr eine Kopie ihrer selbst, ein Alter Ego, ein Double, ihr Twin, eine Puppe, ebenfalls im roten Kleid. Ihr Blick ist konzentriert auf die Betrachter*innen gerichtet. Nach einer Weile steht die Frau auf und trägt ihr zweites Ich in einen weiteren Raum. Die Besucher*innen folgen ihr in diesen Raum. Dort leuchtet ein Scheinwerfer und Luftballons hängen an der Decke.  Sie tanzt mit ihrem Alter Ego engumschlungen. Liebevoll legt die Künstlerin dann die Puppe auf den Boden und spreizt deren Beine. Als Betrachterin frage ich mich, ob nun eine Vereinigung, Vergewaltigung oder Untersuchung folgt. Ich liege falsch. Die Situation ähnelt eher einer Geburt. Zwischen den Beinen der Puppe, öffnet die Künstlerin einen Granatapfel. Blutähnlich färbt sich alles rot. Dann verändert sich die Situation wieder. Mit einer Schere öffnet Eva Weingärtner, wie bei einer Operation den Schaumstoffartigen Unterleib der Puppe. Stück für Stück entnimmt Sie ihr ein Organ nach dem anderen, betrachtet diese, küsst sie und hängt sie vorsichtig an die, an der Decke hängenden, Luftballons. Die Organe schweben dann im Raum, werden fliegengelassen, werden befreit. Zuletzt das Herz.”

Stefanie Trojan, Performancekünstlerin, 2021 anlässlich der Publikation “transcendent” im KANNVerlag Frankfurt

 

BLINDFLUG

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videostill: Blindflug, (2022), Videoperformance, Kamera: Marc Behrens, 4`31

“Verloren Gehen… auch um den Moment, in dem man nicht mehr bewusst kontrolliert wohin die Reise geht… ein Blick nach Innen und ein Versuch der Rückverbindung mit dem großen Ganzen… wir sind nicht “Mensch und Natur” … das ist der Grund warum wir sie zerstören können, weil wir uns nicht eins mit ihr fühlen. Aber um zu formulieren, dass man sich eins mit etwas fühlt, formuliert man bereits die Existenz des anderen als das außerhalb des eigenen. Deshalb das Verlorengehn als Idee, das Auflösen der Bewusstheit…”

 

OMA BLANDA

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videostill: Oma Blanda, (2022), Videoperformance, Kamera: Ivan labalestra, 4`22

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videostill: Oma Blanda, (2022), Videoperformance, Kamera: Ivan labalestra, 4`22

“Meine Oma Blanda ist mit 45 Jahren gestorben, ich habe sie nie kennengelernt. Unsere Ähnlichkeit fand immer wieder Erwähnung zu familiären Anlässen.
Seit einigen Jahren setze ich mich immerwieder künstlerisch mit ihr auseinander. Hier ist es Heilerde, die ich mir vom Gesicht reibe, auf das ihr Gesicht projeziert ist.”

 

VIDEOKUENSTLERIN

Videokuenstlerin

VIDEOKUENSTLERIN, Videoskulptur, 2022

(…) „Was für eine Künstlerin sind Sie“ fragt mich die OP Schwester. Wenn sie mich das fragt, heisst das wohl ich lebe noch und es heisst wohl auch, die Gefahr ist gebannt, sonst würde sie sowas alltägliches nicht fragen. Ich überlege, die Überlegung quillt nach vorne wie zähe Masse, die durch eine fast feste andere Masse hindurch muss und was es dann nach vorne durchgeschafft hat war:„Videokünstlerin… ich bin Videokünstlerin“ Es prägt mich von da an. Denn weder weiß ich zu dem Zeitpunkt, ob es Sinn ergibt sich so zu nennen, noch ob ich mich so bezeichnen würde… aber nachdem mir hier ein zweites Leben geschenkt wurde, scheint es irgendwie passend sich neu zu definieren. Video bedeutet ja nichts weiter als „ich sehe“ und ich sehe eine weiss Lampe über mir. Ich sehe einen kahlen Raum und eine Pritsche aus Metall auf die ich umständlich umgelagert werde. Ich glaube ich bin wieder in dieser Schleuse. Drinnen die OP, draussen die Keime… dazwischen bewahren sie mich auf. Niemand hat sowas gesagt wie, Sie haben noch alles und Sie müssen jetzt keine Angst mehr haben. Schön wäre das gewesen. Aber ich bin noch zu gedröhnt von dem Betäubungsmittel, so dass mich das irgendwie nicht stört… noch nicht. Vor meinem inneren Auge sehe ich ein blutiges Steak und ich habe wahnsinnigen Appetit darauf. Ich sehe nach einiger Zeit eine Frau bei mir sitzen. Ist das auch mein inneres Sehen? , nein sie scheint real und sie sagt, ich darf noch kein Steak essen. Dann sagt sie, wir konnten die Blutung stoppen. Und ich frage sie, ob ich noch alles habe und sie sagt, ja. Tage später treffe ich sie auf dem Gang und sie berührt mich wie eine alte Bekannte, sie ist voller Mitgefühl und der einzige Mensch, der zu verstehen scheint, dass ein Teil von mir in einer Zwischenwelt gelandet ist und nicht mehr rausfindet. Sie sagt, ich soll dankbar sein für mein Leben und ich sage ich bin es, aber der Teil in der Zwischenwelt ist es nicht, der ist dort gefangen und findet nicht heraus. Heute, Jahre später, kann ich noch immer nicht glauben, dass die Frau real war. Mein Gedächtnis hat sie in jedem Fall auf der mystischen Seite abgestellt. Ein Engel. Es gibt sogar einen Teil von mir, der sie als Teil von mir selbst verortet, der Teil, der mich versteht und weiss was zu tun ist, um den anderen Teil herauszuführen aus der Schleuse.

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“Videokünstlerin… ich bin Videokünstlerin“ Der alte Grundig Fernseher meines Grossvaters, auf den ich mein Gesicht gemalt habe, ist nicht nur ein tricky gedachtes Kunstojekt. Keine Hommage an Wolf Kahlen… obwohl, ein bisschen.

Wenn mein Grossvater seinen Blick von dem Fernseher abwandte, aus dem Fenster auf die schneebedeckten weiten Felder schaute… dann, so glaube ich, driftete auch er in diese Zwischenwelt ab. Er spürte seine Füsse nicht mehr, er spürte, wie er sie nicht mehr spürte, als er in Russland über die Weite lief. Ich denke mir, vielleicht treffen mein Opa und ich uns in dem alten Fernseher. Ich als Videokünstlerin in einem Schleusenraum abgestellt mit einer Frau, die es vielleicht gar nicht gibt und mein toter Grossvater mit den Füssen, die er nicht spürt, die aber noch Laufen, aber eigentlich schon gar nicht mehr existieren, weil sie längst vergangen sind. „Soweit die Füsse tragen“, Opa, weisst Du noch, das haben wir zusammen angeschaut. Die Szene wie der Mann seine Füsse in die aufgeschlitze Robbe stellt… falls jemand den Film kennt, ihr spürt es Zischen. (…)

Aus “Videokuenstlerin,…ich bin Videokünstlerin”, EVA WEINGÄRTNER, performative Lesung anlässlich der Ausstellung 4×4, 2022, Schulstrasse 1a, Frankfurt am Main

 

VENUS SOUNDS

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videostill: Venus Sounds, (2017), Videoperformance, 2`22
„… In der Videoarbeit Venus Sounds hört man den Klang der Venus, wie ihn eine Sonifikation der NASA hörbar macht – so die Information der Künstlerin zu ihrem Werk – und eine Projektion auf dem Bauch: ein verschwommenes Kinderporträt, das durch Kneten verzerrt wird. Wie ein Klumpen weichen Ton knetet die Performance-Künstlerin ihren eigenen Bauch. Eine konkrete Handlung am Material des eigenen Körpers.
Die Anspielung auf den Performance-Künstler Bruce Nauman ist deutlich. Nauman hat in den späten 60ern eine Reihe von Filmen gemacht, in denen er jeweils in Großaufnahme konkrete Handlungen am eigenen Körper vollzieht. Nauman darf mit diesen Arbeiten als Pionier der Body Art betrachtet werden, als erster der das Material des eigenen Körpers künstlerisch einsetzt: In der einen Arbeit steckt er sich immer wieder einen Finger ins Auge, in der anderen sind seine Testikel zu sehen, die er durch Hochziehen seines Genitals bewegt, in einer weiteren ist sein nacktes Bein zu sehen, das er durchknetet und dabei Haut, Muskelstränge und Knochen zu erkunden scheint. Neben dieser sichtbaren Erkundung des Materials des eignen Körpers ist er noch an etwas anderem interessiert, etwas worüber er keinen 100%igen Einfluss hat: an der Empathie des Gegenüber, der Einfühlsamkeit der Betrachter, auf die in der Performance-Kunst, ganz speziell in der Body Art direkt Bezug genommen wird. Wie fühlt es sich an, wenn der Finger auf das Auge drückt, die Testikel „bouncen“, der Schenkel oder der Bauch durchgeknetet werden?
Was fühlt man dabei? Was denkt man dabei?
Bei Eva Weingärtner kommt da noch der Sound der Venus hinzu und die Projektion des Kindergesichts. Schnell ist man zu den Bildern der schlaffen Haut um den Bauchnabel herum und der Projektion des Kindergesichts darüber mit Gedanken bei Geburt und Schwangerschaft. Nicht zuletzt legt der Titel der Arbeit auch diese Fährte aus: Venus Sounds. Aber genauso schnell ist man – auch als Mann – mit Gedanken beim eigenen Bauch…“
Dr. Florian Härle, Ausschnitt aus Eröffnungstext:„Im Hyperraum der Lichtenten“, Kunstverein Bergstraße, (2017)

 

ALAYA

ALAYA

Installation View, “Alaya”, Video, 2019 ( SchalTraum, Oberfinanzdirektion Frankfurt am Main, Foto: Wolfgang Günzel)

 

Kurzinterview von Florian Härle (F) mit Eva Weingärtner (E)

F: Eva, was bedeutet eigentlich das Wort „Alaya“, das Du Dir in Deinen Oberschenkel kratzt, ist das ein Name?

E: Nein es ist kein Name. „Alaya vijnana“ ist Sanskrit und bedeutet „Speicherbewusstsein“. Damit ist das Bewusstsein aller Lebewesen gemeint, also das ganze Bewusstsein von allem, sozusagen. Und der Wortteil „Alaya“ bedeutet “Seele” und als Adjektiv, alleine stehend, bedeutet es “unzerstörbar”, “nicht zu Grunde gehend“.

F: Und warum kratzt Du es Dir in den Oberschenkel?

E: Ich habe Urtikaria, das ist eine Hauterkrankung. Meine Haut reagiert allergisch auf Druck mit einer Schwellung. Eine Allergie ist ja eine Reaktion des Körpers auf etwas, worauf dieser immer wieder reagiert. Das ist das Wesen einer Allergie; da ist etwas im Bewusstsein meines Körpers gespeichert. Und ich habe das Bewusstsein meines Körpers bewusst als Bild verwendet um auszudrücken, dass es sich bei Speicherbewusstsein nicht nur um gedankliche, sondern viel weiter gefasste Erinnerung handelt.

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ART WORK 2013

 

ONE ME

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installationview: ONE ME, PER SPECULUM ME VIDEO, Frankfurter Kunstverein 2013

“(…) Wer sich selbst nur im Spiegel betrachtet und sich nur selbst im anderen spiegelt, der bleibt gefangen im Kreis und dem Leid über die Unmöglichkeit der Liebe. Erst wer es aushält die eigenen Schattenseiten zu sehn, der kann den anderen als den anderen erkennen. In ONE ME habe ich meinen Schatten auf mein Gesicht gelegt und mich dabei gefilmt. So kann man beides sehn, die helle und die dunkle Seite. (…)”

Eva Weingärtner, aus “Texte zu schwarz und weiß”(2013)

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 videostill: ONE ME,(2013), Videoperformance, 2`29

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Lucid Dream 1

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videostill: Lucid Dream 1, (2013), Videoperformance, 2`03
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videostill: Lucid Dream 1, (2013), Videoperformance, 2`03

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Lucid Dream 2

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videostill: Lucid Dream 2, (2013), Full HD Video, 2`23
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videostill: Lucid Dream 2, (2013), Full HD Video, 2`23

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From 2 to ONE

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installationview: 2me (2010) and ONE ME (2013), PER SPECULUM ME VIDEO, Frankfurter Kunstverein 2013, foto by: Norbert Migulez

SIEHT SIE SICH, SIEHST DU DICH

„In fast allen Videoarbeiten von Eva Weingärtner tritt ausschließlich sie selbst auf. Manchmal scheint die Künstlerin im Closed Circuit aus Kamera, Akteurin und Kontrollmonitor eine Performance oder ein kleines Kammerspiel aufzuführen – ohne Publikum und nur für sich selbst. In anderen Fällen wirken die Aufnahmen wie Übungen oder Experimente, bei denen man eine bestimmte Abfolge oder einen bestimmten Zustand zu sehen bekommen soll. Für alle Videoarbeiten gilt, dass sie eher kurz und enorm spannend sind, weil sie sich trotz ihrer konzeptuellen Voraus- planung uner-wartet, aber nicht schockhaft entwickeln. Immer wieder geht es um die Problematik von Fremd- und Eigen- wahrnehmung, um das Zeigen oder Verbergen von Stärken und Schwächen.
Aber wer sieht dabei wen? In Weingärtners Videos ist das Setting des jeweiligen Selbstversuchs meist schnell zur Gänze durchschaubar: Es wird mit einfa-chen Mitteln gearbeitet, Licht, Ton, Ausstattung und Kameraeinstellung sind manchmal im wahrsten Sinne des Wortes ‚homemade‘. Alles ist echt, eins zu eins und unprätentiös, mit Atmo-Ton und ohne Nachbear-beitung. Gerade weil die Herstellungsweise der Videos so schlicht ist, kann ihre Dramaturgie eine solche Wucht entfalten. In dem vierminütigen Video „2me“ (2010) ist eine junge Frau zu sehen, die sich selbst sieht, oder mit sich selbst umgeht – oder eben dies nicht hinbekommt? Jedenfalls betrachtet diese Person still und konzentriert und vor allen Dingen aus aller- nächster Nähe ihr Spiegelbild, mal kritisch, mal zufrieden, mal sehnsüchtig, mal gelangweilt. Sie drückt es, liebkost es, küsst es, kommt aber weder wirklich an es heran noch davon los: Sie ist geradezu gekettet an dieses Spiegelbild und damit auch an sich selbst. Jede Handlung dieser Akteurin löst andere Mut- maßungen über ihren Zustand aus: Die Bandbreite reicht von Nar-zissmus und Autoerotik bis hin zu Selbsthass. Das frap-pierend einfache Bild dieses autonomen, körperlichen Umgangs konfrontiert den Betrachter mit der ganzen Bandbreite möglicher Verhältnisse zu sich selbst. Das zweieinhalbminütige Gegenstück zu „2me“ trägt den Titel „one me“ (2013). Dieses Mal blickt die junge Frau direkt in die Kamera, fixiert also ihre Betrachter. Ihre geschürzten Lippen scheinen scheinen diesmal das Küssen, die Zuneigung, die Lust an andere richten zu wollen. Wenn da nicht der harte Schlag- schatten auf der einen Gesichtshälfte wäre: Er zeigt an, dass es bei der Suche nach dem richtigen Abstand zum Gegen-über der Kamera wiederum nur um das Aufeinander-treffen der eigenen Lippen mit dem eigenen Abbild geht (das dieses Mal ein Schattenriss ist). Und wie-derum ist man fasziniert von dem Kontrast aus einer-seits der Durchschaubarkeit des Versuchsaufbaus und andererseits der enorm präzisen Adressierung des Betrachters.“
Holger Kube-Ventura anlässlich der Ausstellung PER SPECULUM ME VIDEO, Frankfurter Kunstverein 2013/2014

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ART WORK 2009-2012

“In the videofilms and performances Eva Weingärtner has carried out to date, she herself appears as the only protagonist. These works are chamberplay-like pieces in which the artist takes on different roles or creates an alter ego – as in the video “2me” in which she kisses and caresses her own mirror image or shares her yearning with it. In another video the viewer becomes witness of a dialogue in which the participants- both played by Weingärtner- struggel over the possiblity or impossibility of (true) love. In this context, the individual, particularly the feminin creative individual, is compelled to probe its relationsship its imediate sorroundings as well as to society, to find a standpoint, or sometime to give one up. The issue of how one is percieved by others vs how one percieves oneself is touched upon again and again. There are moreover repeated illusions to existentially significant or tragicomic scenes and the modes of conduct which can arise from them, particularly when they have to do with the exposure or concealment of strength and weakness. The viewer is confronted with intimate interpersonal scenes in which the failure of trust, communication and appreciation is a recurring theme. He or she is the observer cast involuntarily in the role of the voyeur without being able to indulge in the pleasure of watching. The artist uses the techniques of the performing arts to transform intimate moments evoking thoughts of everyday occurences into extremly precise artefacts. The letter depart from the level of the personal and render the protagonist a mediator of the enevitable issues in which the sociable, communicative individual is entangled- or, indeed, often imprisoned. The intensity of the artist`s performances makes these works strongly moving and potentially unsettling experiences.”

Nathalie de Ligt ( on”we are one” 2012 Kunsthalle Mainz )

 

“Eva Weingärtner  tritt in ihren bis­herigen Videofilmen bzw. Videoperformances ausnahmslos selbst als Akteurin auf. Es sind kammerspielartige Aufführungen, in denen die Künstlerin in verschiedene Rollen schlüpft oder sich ein Alter Ego schafft, wie in dem Video „2me“, in dem sie ihr eigenes Spiegelbild küsst, liebkost oder mit ihm ins Sehnen gerät. In einem anderen Video wird der Betrachter Zeuge eines Dialogs, in dem die Beteiligten (beide von Weingärtner gespielt) um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit von (richtiger) Liebe ringen. Das Individuum, insbesondere das weibliche, kreative Individuum muss hier­bei sein Verhältnis zur unmittelbaren Umgebung, aber auch zur Gesel­l­schaft ausloten, einen Standpunkt finden und ­bis­weilen aufgeben. Immer wieder wird die Problematik von Fremd- und Eigenwahr­nehmung gestreift sowie existenziell ­bedeutsame oder tragikomi­sche Verhaltensweisen, die sich daraus ergeben können, insbesondere wenn es um das Zeigen oder Verbergen von Stärke und Schwäche geht. Der Betrachter wird mit intimen zwischen­menschlichen Szenen konfrontiert, in denen das Misslingen von Vertrauen, Kommunikation und Anerkennung wieder­kehrend auftaucht. Er ist in der Rolle des Beobachters, der zwangsläufig zum Voyeur des Geschehens wird, ohne der Schaulust frönen zu können. Höchst intime Momente, die Gedanken an alltägliche ­Begebenheiten hervorrufen, transformiert die Künstlerin mit Mitteln des darstellerischen Spiels in äußerst präzise Artefakte, die die Ebene des Persönlichen verlassen und die Protagonistin zur Mittlerin von unausweichlichen Fragestellungen macht, in die das gesellschaftlich-kommuni­kative Individuum verstrickt und in denen es meistens sogar gefangen ist. Das intensive Spiel der Künstlerin macht alle Arbeiten zu starken Erlebnissen, die das Potenzial haben zu verstören.”

Nathalie de Ligt ( anlässlich der Ausstellung “we are one” 2012 Kunsthalle Mainz )

 

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We are ONE

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videostill: We are ONE,  2010, Video (DVD), 6`31

 

A dialogue between a male and a female part, both with the same masklike face, the face of the artist.  It starts like an absurd discussion and becomes more and more a subtle and painful fight.

Ein Dialog zwischen einem männlichen und einem weiblichen Teil, beides ein und das selbe maskenhafte Gesicht, jeder bestrebt seine Position zu behaupten, jeder verharrt in einer energetischen Verankerung, die zu lösen mehr bedarf als einen Widerspruch.

 

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installationview: “we are one” , Kunsthalle Mainz, 2012, foto by: Norbert Migulez

 

we are ONE

“Ich love you.”

“That`s impossible.”

“Of course I do. I love you.”

“You liar”

(…)

 

we are ONE

“Ich liebe Dich.”

“Das kann gar nicht sein.”

“Doch. Ich liebe Dich.”

“Du lügst”

(…)

 

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Immer das Gleiche…

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videostills  from:“Immer das Gleiche…/Always the same…”, 2011,Video (DVD), 3`50

 

A woman. Scissors. A story that happened.

“It is always the same”, says the woman in the video, ” You open your legs and then- ZACK- nothing… again.” While saying this she snaps the scissors and opens them again. But after a while she suggests another way of dealing with the situation: Strategic thinking.
Eine Frau. Eine Schere. Eine vorhergegangene Geschichte.

“Ist doch immer das Gleiche”, sagt die Frau im Video, “Du machst die Beine breit und – ZACK – wieder nichts”. Dabei schlägt sie die Schere zusammen, aber nur um sie kurz darauf wieder zu öffnen und das Gesagte und den Vorgang zu wiederholen. Nach einiger Zeit hält sie inne und überlegt eine neue Taktik um mit der Situation umzugehn: Strategisches Denken.

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2me

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videostill from: 2me, 2010, Video (DVD), 4`19 min

 

“2me” is about the relationship of the artist to her image in the mirror, in consequence about her relationship to her self. The point where the two meet, image and self, is like a borderline the artist Eva Weingärtner walks along exploring different emotions from self love to self hatred and all different shades in between. Even if the viewer also has to encounter painfulness no one gets lost. The actress is the artist and the artist is the actress and still she is the person dealing with her self and her second self.

 

“…vier Minuten Echtzeit in denen konzentriert der ganze Komplex von Selbstwahrnehmung aufgefächert wird, angefangen von Narzissmus und Autoerotik bis hin zum Selbsthass.”

Grit Weber, Journal Frankfurt

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…the only thing that`s real…

“In the video …the only thing that’s real… a young woman, the artist herself, looks directly into the camera for a view seconds before closing her eyes. Her hand slowly enters the picture and begins to roughly grope her face from the chin upward. The fingers bore into the mouth and nose, pinch the cheeks, and pull open the eyelids. After feeling out her face, the woman then begins to hit herself in the face, gingerly at first and then harder. The impact of the hand is audible a several times; sometimes the hand misses the face altogether.
After she stops hitting herself, the young woman wipes away her tears and looks directly at the viewer. Using no props and only simple gestures, Eva Weingärtner manages to convey a difficult relationship between an individual and herself, which is characterized by feeling ranging from self love to self hate. The artist`s hand groping across her face and the slaps she gives herself seem to be an attempt to ascertain the self a reaffirm one`s own existence through pain …”

Text:Lilian Engelmann, Frankfurter Kunstverein

 

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videostill from: …the only thing that’s real…

 

„Im Video … the only thing that s real… schaut eine junge Frau- die Künstlerin selbst-für wenige Sekunden direkt in die Kamera, bevor sie ihre Augen schließt.Dann schiebt sich langsam die Hand der Frau ins Bild, die vom Kinn aus beginnt, das Gesicht recht rabiat zu ertasten. Die Finger bohren sich in Mund und Nase, zwicken in die Wangen und zerren die geschlossenen Augenlider auseinander. Nach der Erkundung des Gesichts beginnt die Frau damit, sich erst zaghaft, dann heftiger ins Gesicht zu schlagen. Einige male kann man den Aufprall der Hand hören, gelegentlich verfehlt die Hand auch das Gesicht.
Nach den Schlägen wischt sich die Frau das Gesicht ab und schaut den Betrachter direkt an. Ohne weitere Requisiten und nur mittels einfacher Gesten schafft es Eva Weingärtner in ihrem Video, das schwierige Verhältnis einer Person zu ihrem eigenen Ich, das von Eigenliebe bis zu Selbsthass reichen kann, darzustellen. Das Abtasten des Gesichts und die Schläge gegen sich selbst dabei wie der Versuch, sich seiner selbst zu vergewissern und die eigene Existenz durch den Schmerz zu vergegenwärtigen … “

Text:Lilian Engelmann, Frankfurter Kunstverein


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installationview: the only thing that s real (2011) New Frankfurt Internationals, Frankfurter Kunstverein 2011, foto by: Norbert Migulez

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Der Name Herr Herrmann ist erfunden

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videostills from: Der Name Herr Herrmann ist erfunden, 2009, Video (DVD), 14`56

 

“When I was doing work experience in a psychiatric ward I was allowed to make coffee and accompany the consultants on their rounds”, that is the beginning of the story. The young woman only tells a story and thus manages to keep herself and her listeners in a supposed security of not drifting into a reality of madness. Nevertheless it is this device that leads to questions concerning the shifting borders between self and another person, between healthy or ill, normal or mad. For the story teller, the artist Eva Weingärtner, leaves her position and takes on the parts of the different patients and consultants. There is Herr Hermann, who – devoid of any natural distance – wants to show his abscesses to everybody, or the tense woman,  who believes herself to be a countrysinger at a radio station, or the patient, who looks and looks thus arousing queer reactions of the consultants. And the listeners are not quite sure: is this the artist, former trainee in a psychiatric ward, telling about her experience, or is it the mad woman of the psychiatric ward, who believes herself to be the artist , who tells the story and who is part of herself?

„Als Praktikantin auf der Psychosestation durfte ich Kaffee kochen und an den Visiten teilnehmen“ beginnt die Erzählung. Da ich nur erzähle erhalte ich für mich selbst und das Publikum die vermeintliche Sicherheit nicht in eine Realität des Irrsinns abzudriften. Aber gerade dadurch stellen sich Fragen nach den verschwimmenden Grenzen zwischen dem Ich und dem Anderen, dem Gesund und dem Krank, dem Normal und dem Verrückt. Aus der Position der Erzählerin schlüpfe ich in die Rollen verschiedener Patienten und Ärzte.
Der distanzlose Herr Herrmann, der jedem seine Abszesse zeigen will, die nervöse Frau, die glaubt, sie sei Countrysängerin beim Radio, der Patient, der eigentlich nur kuckt und bei den Ärzten gerade deswegen merkwürdige Reaktionen hervorruft… ist es die Künstlerin, und ehemals Praktikantin in der Psychiatrie, die von ihren Erfahrungen berichtet oder ist es die verrückte Frau in der Psychiatrie, die glaubt sie sei Künstlerin, die die Geschichte erzählt und selbst ein Teil von ihr ist.

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Alterego

 

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videostill from: Alterego, 2005

 

“Wo wohnst Du Eva?

Was machst Du in Frankfurt Eva?

Aha- und was machst Du als Künstlerin Eva?

Und wo hast Du studiert?

Und wie verdienst Du Dein Geld Eva?

Und davon kannst Du leben Eva?”

 

Alterego ist eine eindringliche Selbstbefragung, in der die Antworten nicht entgegnet werden. Die Arbeit ist ein Selbstverhör, eine Selbstverletzung, Ausdruck des zwanghaften Wunsches perfekt zu sein. Die Antwort auf die immer wiederkehrende Frage: „Was machst Du?“ gibt die Protagonistin sich schließlich selbst- wie auch sonst- mit einem Wort: Arbeiten. Dieses Wort wird in aggressiver Wiederholung zum Rhythmus von Zunge, Körper und Klang. Seine Bedeutung wird schließlich durch das ekstatische Ablecken des Tisches ad absurdum geführt.